Vision haben vs. Vision ausdenken
Sat, 18 Jul 2026
Zukunft gestalten – gemeinsam (digital) lernen, lehren, wachsen mit 3D und KI
Es ist einige Wochen vor der Prüfung, und der Zustand der Vorbereitung könnte kaum unbefriedigender sein. Die Realität an einer Waldorfschule mit dem Ziel des staatlichen Abiturs zeigt sich in ihrer ganzen Härte: Die Hälfte der Schüler haben bis kurz vor den Prüfungen nicht einmal die Routine im Lösen einfacher Aufgaben aus der Mittelstufe. Der Abiturstoff ist nur dann einigermaßen abrufbar, wenn er frisch erarbeitet wurde. Nachhaltiges Lernen, vertieftes Verständnis, sichere Anwendung? Fehlanzeige. Und das ist nicht die Schuld der Schüler.
Wie konnte es dazu kommen? Die Wurzel des Problems liegt in der völlig realitätsfremden Einschätzung der Autoren der Verordnung über das Abitur an Freien Waldorfschulen in Sachsen-Anhalt. Der entscheidende Fehler: Vorher waldorfübliche Mathematik – auf welchem Niveau und in welchem Maße auch immer – und dann plötzlich ein Abitur mit einer auf ein Jahr verkürzten Qualifikationsphase. Dies bedeutet nicht nur, dass die Schüler weniger Zeit zur Vorbereitung haben, sondern auch, dass sie ohne eine tragfähige Grundlage in anspruchsvolle Themen wie Analysis, Stochastik und lineare Algebra katapultiert werden.
Jedes staatliche Gymnasium gibt seinen Schülern zwei Jahre für die Abiturvorbereitung – nicht aus reiner Großzügigkeit, sondern weil das notwendig ist, um ein solides Fundament für die Prüfung zu legen. Und schon der vorhergehende Unterricht verlief leistungsorientierter und reicher an Inhalten, wie uns zum Beispiel der Lehrplan der 10. Klassen am Gymnasium zeigt. Andere Schulen in freier Trägerschaft fügen aus diesem Grund ein weiteres Jahr als Vorbereitungsphase ein, haben daher drei Jahre Zeit für das Abitur. Schaut hinüber zum Bildungshaus Riesenklein: Diese Kids sind auf Level! Doch an der Waldorfschule glaubt man offenbar, dass übergangene Inhalte, weniger gut ausgeprägte Fertigkeiten und obendrein noch eine verkürzte Abiturphase ausreichen. Da muss man keine Ahnung von Pädagogik oder Didaktik haben, um diese Mogelpackung zu erkennen.
Erstaunlicherweise gibt es noch Lehrkräfte, die sich wagen, das Unmögliche anzustreben. Bist du dazu noch ein Seiteneinsteiger, wirst du im Sinne von Qualitätssicherung „staatlich überwacht“. Um welche Qualität es dabei geht, zeigt das Beispiel der Beurteilung einer aktuellen Klausur. An einem anderen Gymnasium war diese Klausur, von gestandenen Lehrern entworfen, völlig okay – jetzt wurde sie von einem „staatlichen Hüter höchster Ansprüche“ mit markigen Worten als unbrauchbar erklärt:
"Die Klausur ist formell, fachlich, prüfungsdidaktisch und rechtlich nicht einsetzbar. Die Defizite sind derart gehäuft und gravierend, dass allein durch kosmetische Eingriffe keine Abhilfe geschaffen werden kann. Eine detaillierte Auflistung der Mängel habe ich mir deshalb erspart, stehe aber auf Nachfrage zur Erläuterung jedes einzelnen Mangels zur Verfügung."
Eine weitere E-Mail zeigt die Hauptvorwürfe auf, die ich so auf den Punkt bringe:
Super entdeckt. Wir sind allerdings nicht zu dumm zur Erstellung passender Klausuren, sondern einfach in der Zwickmühle. Wem hilft jetzt dieses Besserwissen? Sorry, ich meinte, wem hilft hier die strenge Kontrolle. Da uns der wachsame Qualitätshüter "dringend" angeraten hat, uns mit einschlägigen Prüfungsaufgaben zu befassen, möchte ich ihm wiederum dringend anraten, sich mit der Situation zu befassen und mal auf die Uhr zu gucken. Es ist 5 vor 12! Da ist es für uns eher angeraten, die Energie in zielführende Arbeit zur Schadensbegrenzung mit den "gewissermaßen betrogenen" Schülern zu stecken. Kommen Sie mit Ihrer nett gemeinten Hilfe später noch einmal, wenn wir das Abi überlebt haben. Ich werde dann allerdings nicht mehr hier sein.
Waldorfschulen haben eine eigene Pädagogik und Philosophie. Doch sobald sie sich dem staatlichen Abitur stellen, gelten dieselben Maßstäbe wie für alle anderen Schüler. Das ist an sich richtig, auch wenn die Gleichwertigkeit der Schulen eine Illusion ist. Unsere Schüler treten nun zur Prüfung an. Sie haben sich aufgerafft, sie haben mehr oder weniger gekämpft – und es bleibt zu hoffen, dass ihnen das Glück zur Seite steht. Denn eine angemessene Vorbereitung blieb ihnen verwehrt. Und wenn es am Ende nicht reicht? Dann wird es heißen: Der Lehrer war schuld. Nicht das System. Nicht die absurden Rahmenbedingungen. Nein – der Lehrer war zu schlecht. Ich empfinde es im Moment so: "Den letzten Mathe-Lehrer beißen die Hunde ganz besonders."
Sat, 18 Jul 2026
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